Commons – neue alte Wirtschaftsform

doodle-men040096 UK SOLV – Commons – neue alte Wirtschaftsform (BA) (2017S)

AKTUELLES:

  • ACHTUNG RAUMÄNDERUNG: Ab Donnerstag 09.03 findet die Veranstaltung immer im Besprechungsarum 01.141 von 18:30-20:00 Uhr statt.
  • ACHTUNG: Die Anmeldefrist auf unserer Fakultät ist bereits abgelaufen – falls du aber trotzdem Lust hast, an der LV teilzunehmen, komm’ in die erste Einheit. Sofern es uns noch möglich ist, nehmen wir dich sehr gerne noch in die Gruppe auf!!! Wir können nichts versprechen, tun aber unser Bestes!
  • Die Lehrveranstaltung steht allen Interessierten offen (auch ohne Anmeldeung)
  • Termin: Donnerstag 18:30-20:00, Hörsaal 9
  • Die Materialsammlung findet ihr hier: https://piratenpad.de/p/Commons_Material

Allgemeine Informationen

2009 hat Elinor Ostrom den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften erhalten, für ihre Arbeit zu “Commons” – was ist denn das?

Commons als gemeinschaftliche Organisationsform jenseits von Markt und Staat erforschte Ostrom anhand zahlreicher Erfolgsbeispiele, meist in ländlichen Gemeinschaften, die über lange Zeit gemeinsam Weideland, Wälder oder Fischereigebiete bewirtschaften und dabei oft fragile Ökosysteme erhalten; nicht mittels Privateigentum am Land, sondern mittels kollektiver Nutzungsrechte. Die empirische Realität zeigt hier etwas ganz anderes, als bekannte akademische Theorien vermutet hätten: keine zerstörerische Übernutzung durch selbstsüchtige Individuen, die kommunikationslos in Maximierungsfallen gefangen sind. Statt dessen reale Menschen mit einer Vielzahl nicht nur an Bedürfnissen, sondern auch an Verhaltens und Lösungsmöglichkeiten. Menschen, die miteinander kooperieren, untereinander Absprachen treffen, sich als Gemeinschaft ihre eigenen Regeln setzen und damit nachhaltig eine gemeinsame Ressource nutzen, erhalten, erschaffen.

Ein ganz anderer Bereich: Wissensallmende. Wissen wird nicht weniger, wenn man es mit anderen teilt; tendenziell wird es sogar mehr, weil andere auf dem aufbauen können, was sie erfahren haben. Soll Wissen und Kulturgut nun künstlich verknappt werden, stückchenweise in Privateigentum verwandelt, damit die auf Knappheit beruhenden
Marktmechanismen weiter funktionieren? Oder kann es andere Modelle geben? Als commons-based peer-production beschreibt etwa Yochai Benkler das System, mit dem Wikipedia oder freie Software wie Linux erschaffen wurden. Was passiert, wenn wir Wissen und Kulturgut als Commons denken? Welche Implikationen hat das – zum Beispiel auch ganz konkret an den Unis? Welche Regeln braucht es?

Die Commons verschiedener Bereiche sind immer wieder bedroht durch “Einhegung” – “enclosures”. Historisch bezeichnet dieser Begriff das Errichten von Zäunen auf dem Allmendeland, die Inbesitznahme des Gemeinschaftslandes etwa durch den Adel. Auch heute sind Commons oft durch Privatisierung und staatliche Politik bedroht. Schon deshalb, weil ihre Existenz oft gar nicht wahrgenommen wird. Die Autoren der Wikipedia wurden nicht bezahlt; wurde dennoch ein Wert, ein Gut geschaffen? Geldfreie Wertschöpfung wird oft nicht gesehen; und dementsprechend wird Politik gemacht, die den montearisierten Sektor (“die Wirtschaft”) fördert, ohne Blick dafür, ob sie den nicht-monetarisierten Sektor fördert, unberührt lässt oder schädigt. So wurde durch die (rückwirkende!) Verlängerung des Copyrights in den USA der Großteil der Kultur des 20.Jahrhunderts unzugänglich gemacht, wie etwa James Boyle ausführt. Wem war dieser (Kollateral-)Schaden bsheep-farm-landscape-illustrationewusst? Ganz ähnlich: Wieso sollte der Staat einen Wald nicht verkaufen können, an dem es bisher kein Privateigentum gab? (Was, außer Privateigentum könnte es denn Relevantes geben? Wie, kollektive Nutzungsrechte, ein seit langem bestehendes Commons?).

Die Grenzen des Denkens zu weiten und bisher Unsichtbares sichtbar zu machen ist eines der Ziele der LV. Es geht nicht darum, Commons als Allheilmittel zu preisen, das Staat und Markt zur Gänze ersetzen sollte. Aber ein Bewusstsein dafür, dass es zumindest eine dritte Kategorie möglicher Organisationsformen gibt, sollte vorhanden sein.

Die Fähigkeit, existierende und mögliche Commons wahrzunehmen; und sich dann dafür oder dagegen zu entscheiden; die Fähigkeit, in der Gesellschaft eine bewusste Debatte darüber zu führen, wo und in welcher Form wir Commons sehen wollen, und wo nicht; wie sie mit Staat und mit Markt zusammenspielen können, oder welche Schwierigkeiten dabei zu beachten sind.

Termin

Donnerstag 18:30-20:00, Hörsaal 9, 1.Stock, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Mathematik, Oskar-Morgensternplatz 1, 1090 Wien

Beurteilung

Teilnahme an einer thematischen Kleingruppe, (Mit-) Gestaltung einer LV-Einheit; schriftliche Arbeit zu einem selbstgewählten Thema im Bezug auf Commons (ca. 4-6 Seiten); zwei Textreflexionen (max. 2 Seiten).

Die LV hat Seminarcharakter. Die Einheiten werden von den Studierenden selbst gestaltet. Die Studierenden finden sich zu Semesterbeginn zu themenzentrierten Kleingruppen zusammen, in der sie – in Absprache und mit fachlicher Unterstützung – die Gestaltung einer LV-Einheit vorbereiten.

Gliederung

Die LV wird in folgende Themen gegliedert sein:

 

Physische Commons – Landwirtschaft, Häuser, urbaner Raum

Elinor Ostrom hat viele empirische Beispiele funktionierender Commons vor allem im ländlichen Raum untersucht (Almen, Wälder, Bewässerungssysteme…) und aus diesen Beispielen eine Liste an gemeinsamen Organisationsprinzipien erstellt. Es gibt auch viel im urbanen Raum – von Gemeinschaftsgärten, gemeinschaftlich genutztem öffentlichem Raum, bis hin zu Wohnprojekten und Rechtsformen wie Land Trust und Mietshäusersyndikat.

Wissensallmende

networkWas ist das, wie groß ist das? Bedeutet es einen Übergang zu einer grundlegend anderen Form von Produktion und Reichtum? Laut Yochai Benkler sind Commons sind nicht periphär – mitten im Kerngeschäft der modernen Wissensgesellschaft – nämlich in der Wissensproduktion – sind die massiv wieder aufgetaucht. Von Wikipedia über freie Software bis zu unzähligen Internet-Inhalten und den Internet-Protokollen selbst zeigen sich commons-orientierte Verhaltensweisen – und eine Gegenbewegung der Einhegung, etwa mittels Copyright. Millionen von Werken vergammeln in Archiven, weil sie nicht zugänglich gemacht werden dürfen. Lizenzen wie GPL und CreativeCommons versuchen, geistige Commons rechtlich absicherbar zu machen. Worum geht es da? Wird es die Zukunft sein, dass Texte, Musik, online-Kurse etc. per Mausklick für alle frei zugänglich sind? Welche Praxis herrscht bei uns an der Uni, welche Möglichkeiten gäbe es? Wie sieht Bildung als Commons aus?

Andere Commons: Care, Geld, Güterproduktion…

„Es braucht ein Dorf um ein Kind groß zu ziehen“ – welche Rolle spielen Commons bei der Deckung der Bedürfnisse von ganz Jungen, ganz Alten, und Kranken? Sind die Anonymen Alkoholiker ein Commons? Und: kann Geld als Commons betrieben werden, etwa bei Regionalwährungen und Tauschkreisen? Und: was ist mit Güterproduktion („Industrie“)? Geht es hier um Selbstverwaltung im Betrieb, um offenes KnowHow und Open Hardware, um Eigenproduktion mit heimischem 3D-Drucker und lokaler Werkstatt?

Einhegungen

Commons sind bedroht: was gemeinsam genutzt und gepflegt wird, gehört plötzlich nur noch einem, unter Ausschluss aller anderen. Was historisch die Enteignung der Commoners durch den europäischen Adel war, geschieht heute vielleicht in anderer Form: Land Grabbing, extreme Ausweitung des Copyrights, Patente auch auf Leben und auf Wirkstoffe traditioneller Heilpflanzen sind nur einige Stichworte.

Dieser Aspekt sollte wohl bei der Vorstellung der jeweiligen Commons-Bereiche mitbehandelt werden, kann aber auf Wunsch auch nochmals separat herausgegriffen werden.

Geldfreie Wertschöpfung

Commons sind bedroht – nicht zuletzt deshalb, weil ihre Existenz gar nicht wahrgenommen wird. Ein wesentlicher Aspekt diesen Übersehens ist, dass der Reichtum der Commons oft nicht monetarisiert ist. Wer in Wikipedia schreibt, wird nicht bezahlt, wer liest, zahlt nicht. Der geschaffene und genossene Reichtum scheint im BIP nicht auf. Die Politik fördert (und die VWL studiert) aber meist „die Wirtschaft“, und meint damit rein den monetarisierten Bereich.

Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass es geldfreie Wertschöpfung gibt, und zwar in großem, bedeutendem Umfang, selbst hier und heute in Europa (und noch viel mehr in anderen Kontinenten) ist extrem wichtig. Daher bitte: Beispiele für Vielfalt und Größenordnung geldfreier Wertschöpfung, von Internet bis Kindererziehung und Altenpflege und Hausarbeit und Häuslbau und Reparaturen und Freundschaften (Unterhaltungsbranche und Beratung), bis zu Vereinen und Chören und Sanghas und Kicken und freiwilliger Feuerwehr und attac und Nachbarschaftshilfe…

(auch wenn nicht alle geldfreie Wertschöpfung automatisch ein Commons ist). Auch die gängigen Kritiken am BIP sind es wert, dargelegt zu werden, weil sie sowohl praktische Aspekte als auch grundlegende Denkmuster aufzeigen können.

Theoretische Grundannahmencooperative-1246862_1920

Die empirische Realität der Commons zeigt etwas ganz anderes, als bekannte akademische Theorien vermutet hätten: keine zerstörerische Übernutzung durch selbstsüchtige Individuen, die kommunikationslos in Maximierungsfallen gefangen sind. Statt dessen reale Menschen mit einer Vielzahl nicht nur an Bedürfnissen, sondern auch an Verhaltens- und Lösungsmöglichkeiten. Menschen, die miteinander kooperieren, untereinander Absprachen treffen, sich als Gemeinschaft ihre eigenen Regeln setzen und damit nachhaltig eine gemeinsame Ressource nutzen, erhalten, erschaffen.

Was sagt uns das? Können wir neue theoretische Grundannahmen für unsere zukünftige Theoriebildung verwenden? Mit einem anderen (realistischeren?) Menschenbild arbeiten? Was wird noch in Frage gestellt? Was neu eröffnet? Was bedeuten Commons-Prinzipien als allgemeine Denkmuster (analog zu „marktwirtschaftlichen Prinzipien“)?

Verhältnis Markt – Staat – Commons

Dass es außer Markt und Staat noch eine grundlegende Organisationsform gibt – nämlich Commons – ist hoffentlich eine der Haupterkenntnisse aus dieser LV.

Da es nicht der Plan ist, dass Commons nun alles andere ersetzen, stellt sich die Frage nach dem Zusammenspiel: welche staatlichen Rahmenbedingungen brauchen Commons? Wo ergänzen sich Commons sinnvoll mit Marktelementen oder staatlichen Leistungen? Wie können Commons nicht nur als Einzelprojekte existieren, sondern auch vernetzt eine größere Struktur bilden?meeting-1015313_1920

Sind Commons gut und gerecht oder bloß mühsam?

Würde ich so leben wollen? wo ja, wo nicht?

Was wäre zu beachten? Ist mit vielen Leuten in Kontakt sein und Beziehungsebenen einbauen gut oder anstrengend oder beides? Ist Anonymität befreiend und vereinfachend?

Was braucht es auf der gesellschaftlichen Ebene?

Helfen Commons, Verteilungsgerechtigkeit herzustellen? Oder müssen wir dazu noch gesondert fragen: Welche Gruppe welche Ressourcen bekommt; wie Individuen zu einer Gruppen dazustoßen können; wie innerhalb der Gruppe verteilt wird (und welche kulturellen Normen da zum Tragen kommen)?

Unter- und Nachbarthemen:

Grenzen an das Commons-Thema an; können auch behandelt werden: Eigenversorgung; Konvivialität; Schenkökonomie (v.a. ad Wissensallmende); Selbstverwaltung, Selbstorganisation…

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